Geschichte der Sternwarte Lübeck

Die Zeit vor der Sternwarte

Als der baltische Astronom Dr. Peter von der Osten-Sacken am Ende des zweiten Weltkriegs nach Lübeck kam, fand er hier zwei Einrichtungen vor: die in sehr desolatem Zustand befindliche Sternwarte der Lübecker Seefahrtschule – ihr waren alle optischen Instrumente abhanden gekommen – und eine „Sternkammer“, ein einfaches Planetarium, in der Klosterhofschule. Als bald nach dem Krieg die Volkshochschule wieder aufgebaut wurde, stellte er sich als Lehrkraft zur Verfügung und hielt mit großem Erfolg Vorträge und Kurse über astronomische Themen. Aber was ist schon Theorie ohne die dazugehörige Praxis? Ein Fernrohr musste her!

Die Geburt der Sternwarte Lübeck
Sternwarte ca. 1957
Sternwarte ca. 1957

Herr Dr. von der Osten-Sacken bemühte sich intensiv um den Aufbau einer richtigen Sternwarte für Lübeck. Die Errichtung einer Kuppel war auf einer der anstehenden Schulneubauten vorgesehen, die aber noch in der Planung waren. Deshalb fand ein dafür angeschafftes Spiegelteleskop mit einer Öffnung von 25 cm und einer Brennweite von 2 Metern zunächst in einer Hütte auf der Dachplattform der Klosterhofschule ein provisorisches Zuhause. 1957 war es dann aber soweit: Die Sternwarte Lübeck war geboren und nahm unter der Leitung von Dr. von der Osten-Sacken ihre Arbeit auf. Die Institution „Sternwarte“ wurde in die Organisation der Volkshochschule eingegliedert.

Lübeck und der Sputnik

Eine kleine Anekdote: die Lübecker Sternwarte war zur Zeit des ersten Sputnik Mitglied im Kosmos-Netz, dem Satellitenbeobachtungsnetz der damaligen UdSSR, und so gingen ständig verschlüsselte Telegramme zwischen Lübeck und Moskau hin und her. Dies erschien einigen Leuten so verdächtig, dass Herr Dr. von der Osten-Sacken eines Tages Besuch von der Kriminalpolizei erhielt, die wohl einen Verdacht der Spionage gegen ihn hegte. Allerdings erwiesen sich sämtliche Verdächtigungen als unbegründet…

Die ersten Jahre

Die räumliche Ausstattung der Sternwarte – die Kuppel, die sich bald als fehlerhaft konstruiert erwies, ein kleines Büro für den Leiter direkt unter der Kuppel und ein kleiner Arbeitsraum mit Platz für einen Schrank, einen Schreibtisch und einigen Stühlen – entsprach durchaus nicht den Ansprüchen ihres Leiters, aber mehr wollte die Schule, der auch schon die Mittel für den Bau einer Aula gestrichen wurden, nicht hergeben.

Trotz dieser räumlichen Enge weiteten sich die Aktivitäten der Sternwarte schnell aus: die Besucherzahlen bei den Führungen am Fernrohr und den Vortragsveranstaltungen nahmen zu, es bildeten sich Arbeitsgemeinschaften, in denen regelmäßig Sonnenflecken gezählt oder veränderliche Sterne beobachtet wurden, auch die ersten fotografischen Aufnahmen von Himmelsobjekten fallen in diese Zeit.

Ein neues Teleskop
Fernrohr 1974
Fernrohr 1974

Bald stellte sich heraus, dass das Fernrohr zu klein war, die Montierung zu schwach, die Nachführung durch Verschleiß zu ungenau für längere Belichtungszeiten. So kam der Wunsch nach einem neuen, größeren Fernrohr mit stabilerer Montierung auf.

Wieder fand Dr. von der Osten-Sacken die Unterstützung, die er benötigte, diesmal insbesondere vom damaligen Leiter der Volkshochschule, Dr. Baake, so dass alle Probleme zur Zufriedenheit gelöst werden konnten.

Das neue Fernrohr, ein Reflektor von 48 cm Öffnung und je nach Ausrüstung 2 m oder 6 m Brennweite konnte im November 1974 eingeweiht werden. Dieses Teleskop war lange Zeit das größte im Amateurbereich in Schleswig-Holstein genutzte Teleskop.

Der ASL wird gegründet

1974 machten sich die Mitarbeiter der Sternwarte Lübeck Gedanken, wie sie in der Öffentlichkeit auftreten konnten, ohne den offiziellen und trägen Weg über die städtische Volkshochschule bemühen zu müssen. Sie gründeten daraufhin den “Arbeitskreis Sternwarte Lübeck”, der ab 1977 auch für Außenstehende geöffnet wurde. Im Jahre 1988 wurde der ASL in das Lübecker Vereinsregister unter der Nummer 1704 eingetragen und heißt seitdem “Arbeitskreis Sternfreunde Lübeck e.V.”. Der alte Name “Arbeitskreis Sternwarte Lübeck” durfte aus rechtlichen Gründen nicht beibehalten werden. ASL und Sternwarte arbeiteten in der Folge eng zusammen und die Sternwarte rekrutierte ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter in der Regel aus den Reihen des Vereins.

Beengte Verhältnisse
Prof. Dr. Peter von der Osten-Sacken
Prof. Dr. Peter von der Osten-Sacken

Die beengten Verhältnisse der Sternwarte – für Vorträge mussten der Musik- oder Chemiesaal der Schule mitbenutzt werden – waren ein Thema über Jahrzehnte hinweg. Erst bei seiner Verabschiedung als Leiter der Sternwarte im Jahre 1990 überreichte der damalige Kultussenator Lund Herrn Dr. von der Osten-Sacken die endgültige Entscheidung über die Räumlichkeiten der Sternwarte als Abschiedsgeschenk: die alten Räume bleiben erhalten, ein kleinerer Raum als Mehrzweck-Arbeitsraum und ein größerer Seminarraum kamen hinzu. In diesen Räumen befindet sich die Sternwarte noch heute. Herr Dieter Kasan übernahm ihre Leitung.

Astronomische Arbeiten

In den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts bildeten sich verschiedene Arbeitsgruppen, die sich mit speziellen Themen der Astronomie intensiver beschäftigen. So gab es Gruppen für die Beobachtung von Sonne, Veränderlichen Sternen, Halos, Kometen, Meteoren, Sternbedeckungen und atmosphärischen Phänomenen. Andere beschäftigten sich mit theoretischer Astronomie oder der Astrofotografie. Auch eine Jugendgruppe wurde ins Leben gerufen.

In Eigenarbeit wurden ein lichtelektrisches Photometer zur Messung von Sternhelligkeiten und ein Frequenzwandler für die Nachführung des Fernrohrs konstruiert und gebaut.

1994 erhielt die Sternwarte durch die Possehl-Stiftung eine großzügige Förderung für den Kauf einer CCD-Kamera mit zugehörigem Computersystem. Mit dieser Kamera kann man besonders lichtschwache Objekte fotografieren und das Rohbild durch Bildverarbeitungsmethoden in seiner Qualität deutlich verbessern.

Die Sternwarte besitzt einen Doppelprismen-Spektrographen, dessen mechanische Verbindung zum Fernrohr durch die Fachhochschule Lübeck unter der Leitung von Prof. Steinbach entscheidend verbessert wurde. Die Spalteinheit des Spektrographen wurde als selbständige Einheit neu gestaltet. Er eignet sich gut zur Gewinnung von Gesamtspektren. Seit August 1997 besitzt die Sternwarte einen Gitterspektrographen, der unter der Leitung von Prof. Koch von dem Studenten B.van der Smissen konstruiert und von der Werkstatt der Fachhochschule Lübeck gebaut wurde. Der Schulverein der Lauenburgischen Gelehrtenschule unterstützte das Vorhaben finanziell. Der Gitterspektrograph mit seiner wesentlich größeren Auflösung ermöglicht die Geschwindigkeitsmessung astronomischer Objekte und öffnet somit ein weites Feld für astronomische Arbeiten, die z. B. dem Physikunterricht weiterführender Schulen interessantes Arbeitsmaterial zur Verfügung stellen kann.

Öffentlichkeitsarbeit

Mit ihrer Arbeit wollen die Mitarbeiter der Sternwarte die Öffentlichkeit durch Vorträge, Ausstellungen und Führungen in der Sternwarte für die Astronomie interessieren einer interessierten Öffentlichkeit astronomische und Naturwissenschaftliche Sachverhalte näher bringen den Schulen im Raum Lübeck ein Angebot für den naturwissenschaftlichen Unterricht machen wissenschaftliche Arbeiten in Bereichen zu ermöglichen, die traditionell von Amateurastronomen außerhalb der wissenschaftlichen Institute geleistet wird.

Die Jahre ab 1991 waren die „Apothekenausstellungsjahre“. Der ASL hatte eine Wanderausstellung mit Informationen über das Planetensystem und andere astronomische Themen entworfen, die nacheinander in vielen Apotheken der Lübecker Innenstadt ausgestellt wurde (Die wissen nämlich meist nicht so recht, was sie in ihre Schaufenster stellen sollen). Darüber hinaus fanden viele öffentliche Beobachtungsabende zu besonderen Anlässen wie Sonnen- oder Mondfinsternissen statt, die gemeinsam mit der Sternwarte durchgeführt wurden.

Vereinszeitschrift

Die Mehrheit der Mitglieder wünschte sich eine eigene Vereinszeitschrift. Sie wurde im September 1984 zum ersten Mal unter dem Titel POLARIS veröffentlicht und hat sich als fester Bestandteil etabliert.

Fachsimpeln

Von Anfang an trafen sich die Vereinsmitglieder jeweils freitags im Vorfeld des öffentlichen astronomischen Vortrags in der Sternwarte zum Klönschnack. Bemerkenswerterweise ließ das Interesse an dieser Einrichtung bald nach, bis 1995 der Astro-Abend ins Leben gerufen wurde: Nun kann an jedem ersten Mittwoch im Monat nach Herzenslust fachgesimpelt werden.

ASL übernimmt die Sternwarte

In Zeiten leerer Stadtkassen wird an allem gespart, was in den Augen der Politiker nicht unbedingt sein muss. So kam die Volkshochschule zu dem Schluss, dass die Sternwarte zu teuer ist. Seit Frühjahr 2007 wird sie deshalb offiziell vom Arbeitskreis Sternfreunde Lübeck e.V. geführt. Ob die Volkshochschule dadurch tatsächlich Geld gespart hat, ist nicht bekannt – wir kommen jedenfalls zurecht…

Neue Leitung

Im Juli 2009 ist der langjährige Leiter der Sternwarte, Herr Dieter Kasan, nach langer schwerer Krankheit gestorben. Der Vorstand hat Dr. David Walker als wissenschaftlichen Leiter und Andreas Goerigk als technischen Leiter der Sternwarte berufen.

Neues Fernrohr

Zum Jahreswechsel 2009/2010 erhielt die Sternwarte dank der Spenden zweier namhafter Lübecker Stiftungen ein neues Fernrohr, einen 50-cm Astrographen des Herstellers Planwave.

Sternwarte ist geschlossen – Zukunft ungewiss

Im Rahmen der rückläufigen Schülerzahlen werden Schulen zusammengelegt, die „Johannes-Kepler-Schule“ wird abgerissen, das Areal als attraktives Bauland genutzt werden. Deshalb ist die Sternwarte Lübeck seit November 2016 geschlossen. Das astronomische Programm geht in stark reduziertem Umfang an anderer Stelle weiter. Die Zukunft der Sternwarte Lübeck steht in den Sternen…

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