Totale Sonnenfinsternis vom 21. August 2017 in den USA (Marco Ludwig)

Wenn die Sonne ihr Licht verliert

Die Sonnenfinsternis am 12. August 2026 – in Spanien total, in Lübeck partiell

Die Sonne geht morgens im Osten auf, erreicht mittags im Süden ihren höchsten Stand und verschwindet abends im Westen wieder hinter dem Horizont. So erleben wir es Tag für Tag, seit Menschengedenken und lange bevor es uns Menschen überhaupt gab.

Manchmal jedoch geschieht etwas, das diese vertraute Ordnung scheinbar durchbricht: Mitten am Tag verliert die Sonne plötzlich einen Teil oder sogar ihr gesamtes Licht. Eine Sonnenfinsternis findet statt.

Sonnenfinsternisse gibt es schon weitaus länger als die Menschheit. Doch für viele Menschen früherer Zeiten war kaum zu erklären, was dabei tatsächlich geschah. Man stelle sich vor, man stünde in der Antike auf einem belebten Platz in Griechenland oder Rom: Das Licht verändert sich, die Farben wirken fremd, es wird spürbar kühler, Tiere verhalten sich ungewohnt und schließlich breitet sich für einige Minuten Dunkelheit aus.

Ein solches Erlebnis musste zutiefst beunruhigend wirken. Sonne und Mond waren in vielen Kulturen zudem weit mehr als bloße Himmelskörper. Sie galten als Gottheiten, als Zeichen göttlicher Ordnung oder als Symbole von Macht und Leben. Wenn die Sonne mitten am Tag verschwand, lag deshalb der Gedanke nahe, dass etwas Bedrohliches geschehen sein musste.

Heute begegnen wir Sonnenfinsternissen ganz anders. Wir können ihren Verlauf exakt berechnen, wissen Jahre und Jahrhunderte im Voraus, wann und wo sie stattfinden werden und reisen mitunter viele Tausend Kilometer, um sie selbst zu erleben. Nicht die Sonnenfinsternis hat sich verändert. Verändert hat sich unser Blick auf sie.

1.Ein seltenes Ereignis über Europa

Am Mittwoch, dem 12. August 2026, wird sich dieses außergewöhnliche Schauspiel erneut über Europa zeigen. Der Kernschatten des Mondes zieht über Grönland, Island, den Atlantik und den Norden Spaniens. Nur innerhalb dieses schmalen Schattenpfades wird die Sonne vollständig bedeckt; in großen Teilen Europas ist die Finsternis partiell zu sehen.

Heute wissen wir bereits Jahre im Voraus, wann die Finsternis beginnt, wie sie verläuft und wo sie sichtbar sein wird. Dieses Wissen ist das Ergebnis jahrtausendelanger Beobachtung und eines immer genaueren Verständnisses der Bewegungen von Sonne, Mond und Erde. Schon frühe Kulturen zeichneten Finsternisse auf und erkannten wiederkehrende Muster. Später wurden Sonnenfinsternisse zu wertvollen Gelegenheiten für die Forschung etwa zur Untersuchung der Sonnenatmosphäre, zur Entdeckung des Heliums im Sonnenspektrum und 1919 für eine wichtige Beobachtung zugunsten von Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie.

Damit haben Sonnenfinsternisse ihren früheren Schrecken als Unglücksbringer oder bedrohliches Vorzeichen längst verloren. Heute sind sie seltene, bewusst erlebte Naturereignisse, auf die sich viele Menschen lange im Voraus freuen.

2.Lübecker Sternfreunde reisen in den Kernschatten

Auch zahlreiche Mitglieder der Sternwarte Lübeck werden sich auf den Weg nach Spanien machen. Verteilt über das Festland und die Inseln werden sie innerhalb des Totalitätskorridors nach einem möglichst geeigneten Beobachtungsort suchen, immer in der Hoffnung auf einen freien Himmel und einen ungetrübten Blick auf dieses außergewöhnliche Schauspiel.

Eine totale Sonnenfinsternis, die von Deutschland aus noch vergleichsweise unkompliziert mit dem Auto erreichbar ist, stellt eine ganz besondere Gelegenheit dar. Auch ich selbst werde mich im Norden des spanischen Festlands aufhalten. Die tief stehende Abendsonne verspricht dort einen besonders eindrucksvollen Anblick, verlangt aber zugleich einen vollkommen freien Horizont. Berge, Bäume, Dunst oder horizontnahe Wolken können trotz aller Vorbereitung über Erfolg und Misserfolg entscheiden.

3.Die partielle Sonnenfinsternis über Lübeck

Auch von Lübeck aus wird die Sonnenfinsternis am 12. August 2026 gut zu beobachten sein. Einige Mitglieder der Sternwarte Lübeck werden sich voraussichtlich bereits zwischen 17.45 und 18 Uhr an der Sternwarte im Drägerpark einfinden, um sich gemeinsam auf das Ereignis vorzubereiten.

Die partielle Sonnenfinsternis beginnt in Lübeck gegen 19.13 Uhr. Ihre größte Phase erreicht sie um 20.07 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt wird ein sehr großer Teil der Sonnenscheibe vom Mond verdeckt sein. Die Finsternisgröße beträgt etwa 0,875 der Mond bedeckt also rund 87,5 Prozent des Sonnendurchmessers. Der tatsächlich verdeckte Anteil der Sonnenfläche liegt etwas darunter. Rechnerisch endet die Finsternis um 20.53 Uhr, ungefähr zum Sonnenuntergang. Ob sich der letzte Teil des Ereignisses noch verfolgen lässt, hängt deshalb stark von einem freien Blick zum westlichen Horizont ab.

Anders als innerhalb der Totalitätszone wird es in Lübeck nicht für einige Minuten nachtdunkel werden. Dennoch kann die starke partielle Finsternis auch hier wahrnehmbare Auswirkungen haben. Das Tageslicht kann zunehmend gedämpft und ungewohnt wirken, Farben können blasser oder kühler erscheinen und Schatten ungewöhnlich scharf werden.

Ein besonders schöner Effekt lässt sich unter belaubten Bäumen beobachten. Die kleinen Zwischenräume zwischen den Blättern wirken wie zahlreiche Lochkameras und projizieren Bilder der teilweise bedeckten Sonne auf den Boden. Statt gewöhnlicher runder Lichtflecken erscheinen dort dann viele kleine Sonnensicheln.

Auch wenn Lübeck nicht innerhalb der Totalitätszone liegt, bleibt die partielle Sonnenfinsternis ein seltenes und eindrucksvolles Naturereignis, für das sich ein bewusster Blick zum Himmel lohnt.

4.Wetter, Horizont und Realität

Wer die Sonnenfinsternis beobachten möchte, benötigt einen möglichst freien Blick in Richtung Westen. Baumkronen, Häuser und andere Bebauungen können die tief stehende Sonne bereits früh verdecken. Deshalb empfiehlt es sich, den vorgesehenen Beobachtungsplatz einige Tage vorher zur gleichen Uhrzeit aufzusuchen und zu prüfen, ob die Sonne von dort tatsächlich noch sichtbar ist.

In Lübeck bietet sich besonders der Drägerpark auf Höhe der Alexanderstraße an. Von dort besteht ein vergleichsweise freier Blick nach Westen, sodass sich die Finsternis voraussichtlich über einen großen Teil ihres Verlaufs beobachten lässt.

Ob das gelingt, hängt allerdings vom Wetter ab. Verbirgt sich die Sonne hinter dichten Wolken, bleibt auch die partielle Sonnenfinsternis unsichtbar. Zudem steht die Sonne während des Ereignisses bereits tief über dem Horizont. Selbst bei ansonsten klarem Himmel können daher Dunst, hohe Luftfeuchtigkeit oder horizontnahe Wolken die Sicht deutlich einschränken.

Eine Sonnenfinsternis lässt sich viele Jahre im Voraus genau berechnen. Ob wir sie tatsächlich sehen können, entscheidet dennoch erst der Himmel an diesem Abend.

5.Ein einfacher Beobachtungstipp

Für die Beobachtung ist kein Teleskop erforderlich. Eine geeignete Sonnenfinsternisbrille genügt, um die zunehmende Sonnensichel eindrucksvoll zu verfolgen. Es lohnt sich außerdem, nicht nur zur Sonne zu schauen, sondern auch die Umgebung bewusst wahrzunehmen: Verändert sich das Licht? Werden die Schatten schärfer? Wirken Farben anders? Zeigen sich unter Bäumen die kleinen projizierten Sonnensicheln?

6.Sicher beobachten

Das Wichtigste bei der Beobachtung einer Sonnenfinsternis ist die Sicherheit. Wir haben nur zwei Augen und die sollen uns ein Leben lang begleiten. Deshalb darf die Sonne niemals ohne geeigneten Schutz betrachtet werden. Für die direkte Beobachtung eignen sich ausschließlich geprüfte Sonnenfilter und Sonnenfinsternisbrillen, die ausdrücklich für diesen Zweck vorgesehen sind. Andere Hilfsmittel oder improvisierte Lösungen sollten nicht verwendet werden. Wer noch eine Sonnenfinsternisbrille benötigt, kann sich gern an die Sternwarte Lübeck wenden oder sie über den Fachhandel beziehen. Auch die Mitglieder der Sternwarte, die die Finsternis im Drägerpark beobachten, können angesprochen werden. Voraussichtlich werden dort ebenfalls Sonnenfinsternisbrillen erhältlich sein. Für Ferngläser, Teleskope und Kameras gelten noch strengere Anforderungen: Sie dürfen nur mit fachgerecht befestigten Sonnenfiltern vor der Öffnung verwendet werden. Eine Sonnenfinsternisbrille allein schützt nicht, wenn man damit durch ein ungefiltertes optisches Gerät blickt.

7.Ein anderer Blick auf dasselbe Ereignis

Allen, die zur Totalitätszone reisen, wünsche ich einen freien Himmel und das unvergessliche Erlebnis einer vollständig verfinsterten Sonne. Und natürlich wünsche ich auch allen, die das Ereignis in Lübeck oder an einem anderen Ort partiell beobachten, viel Freude, gutes Gelingen und eine erfolgreiche Beobachtung.

Wir wissen heute genau, warum sich die Sonne am 12. August über Lübeck in eine schmale Sichel verwandelt. Staunen dürfen wir trotzdem.

Beitragsbild: Marco Ludwig, Totale Sonnenfinsternis in den USA, 12. August 2017